Teil 2 des Butterbrot-Scripts

 

(Zwischenmusik)

Am nächsten Morgen. Martin kommt herein und balanchiert vorsichtig ein volles Frühstückstablett. Als er es auf dem Tisch absetzt, scheppert es laut, wovon Peter aufwacht.

Peter (verschlafen): Ah, was...?

Martin: Guten Morgen...freier Mann. Na, gut geschlafen?

Peter (sich die Augen reibend): Wie ein Tier. Wo ist Stefan?

Martin: Im Theater.

Peter ehebt sich vom Sofa. Er streckt und reckt sich erstmal geräuschvoll. Martin fährt zusammen.

Peter (immer noch verschlafen): Mein Gott, war das ein Tag gestern...Kaffee...(nachdenklich)Ich glaube, ich glaube, ich werde in die Stadt gehen. Und dann werde ich sie anrufen. Und dann werde ich sie bitten, mit mir essen zu gehen. Und dann werde ich ihr ein paar Leuchtbojen setzen. Ich werde sagen "Einmal ist keinmal" und wenn sie ihn nicht wiedersieht, dann kann sie von mir aus bleiben. Dann wird sie eine Zeitlang Scheiße reden...Dann kaufe ich ihr ein Chanel-Kostüm und dann herrscht auch schon wieder Friede! Ich habe einen ganz eigentartigen Traum gehabt...ich bin mit Dir...oder mit irgendjemanden, aber ich glaube, Du warst es, bin ich durch einen Wald gegangen und habe an alle Bäume klopfen müssen, von denen ich glaubte, daß sie morsch sind. Und Du oder der Mann bist hinter mir gegangen und hast mir für jeden falschen Baum einen Schnitt in den Rücken gemacht. Und zwar mit dem Brieföffner!

Martin (ungläubig): Mit dem Brieföffner?

Peter: Ja, und zwar der mit dem weißen Horngriff, den sie mir...(hält inne) Ist ja auch egal.

Martin: Und?

Peter: Beim letzten Baum streife ich dran, der Baum fällt auf den Mann drauf, ich drehe mich um, stoße ihm den Brieföffner ins Herz...und dann bin ich aufgewacht...

Martin (hastig): Ich kann's nicht gewesen sein! Ich hab' Kaffee gemacht.

Peter: Wie deutest Du den Traum?

Martin (nachdenklich): Ja, weißt Du, ich denke...Du hast ein ungeklärtes Verhältnis zu...(grinst) Deinem Briefträger.

Das Telefon klingelt.

Martin: Ich heb' ab.

Peter: Heb' ab.

Martin geht zum Telefon und nimmt den Hörer.

Martin (meldet sich): Psychiatrie, Halle Süd, Abteilung Ekstase!...Oh Lily...ähm, entschuldige.

Peter (drängend): Gib sie mir, gib sie mir!

Martin (ins Telefon): Moment, ich gebe ihn Dir...Ciao!

Peter nimmt den Hörer.

Peter: Hi Lily!...Nein, ich sitze hier gerade und trinke Kaffee...Nein, ich wollte Dir vorschlagen, mit mir essen zu gehen...(fassungslos) Nein, das sehe ich nicht so...Nein, wenn ich "Nein" sage, meine ich auch "Nein"...Aber...Aber das war doch nur ein ganz kleiner Kratzer!...Das ist also Dein letztes Wort?...(tonlos) Okay...(mit steinerner Miene legt er auf)

Martin: Dicke Luft?

Peter (ungläubig): Sie läßt sich scheiden.

Martin: Nein!

Peter: Sie meint es ernst.

Martin: Ja, aber warum?

Peter (wütend): Sie hat gesagt, das mit den Stühlen, das sei zuviel gewesen!

Martin (verständnislos): Das waren doch Deine Stühle!

Peter: Naja, ich hab' sie so gegen die Wand und...(bedeutungsvoll) Sie war in der Nacht auch im Krankenhaus...Irgendwas mit dem Schlüsselbeinchen.

Martin: Mensch, dann geh' doch zu ihr!

Peter: Ihr Vater ist in der Wohnung, der bringt mich um, wenn er mich sieht! (kopfschüttelnd)Oh Mann, oh Mann, oh Mann, was habe ich nicht alles getan für die Frau! Ich habe ihr die Wohnung eingerichtet, sie hat die Hälfte von meinem Geschäft...(plötzlich kommt ihm ein Gedanke) Ach Du Scheiße...

Martin: Was?

Peter: Vielleicht...vielleicht muß ich ihr nachher noch was zahlen...?

Martin: Ach komm', sicher nicht.

Peter: Hast Du 'ne Ahnung! Die nimmt sich den besten Anwalt und mir bleibt nur noch ein Butterbrot...Nein nein nein, meine Herren, das ist vielleicht ein Geburtstag, ich sage es Euch...(hält inne, schaut Martin an) Hast Du noch Kaffe da?

(Zwischenmusik)

Martin: Es tut mir schrecklich leid, ich muß gehen.

Peter: Mach' Dir keine Sorgen. Ich würde gerne noch etwas bleiben. Vielleicht ruft sie nochmal an, man weiß ja nie.

Martin: Ja gut, klar. Natürlich, kein Problem...Wenn Du doch gehst, dann einfach die Tür zuziehen.

Peter: Mach' ich.

Martin: Okay, gut. (geht mit unentschlossener Miene hinaus; kurz darauf steckt er nochmal den Kopf rein) Alles klar?

Peter (aufgeschreckt): Was? Jajaja, alles klar, alles klar.

Martin: Gut...ciao!

Peter: Ciao.

Martin verschwindet endgültig; Peter wartet noch einen Moment, bis seine Schritt verhallt sind. Dann geht er zur Stereoanlage und schaltet sie an. Der Song "Still got the blues for you" ertönt, während er den Telefonhörer abnimmt und wählt.

Peter (ins Telefon): Hallo, ich bin's...(wütend) Nun stell' doch mal diesen verdammten Anrufbeantworter ab!...(leise) Entschuldige bitte, ich...Ich bin noch bei Martin und ich möchte mit Dir sprechen...Kannst Du mich anrufen?

Bevor Peter den Hörer auflegt, hält er ihn an den Lautsprecher der Stereoanlage, aus dem immer noch "Still got the blues for you" ertönt. Inzwischen ist Stefan unbemerkt ins Zimmer gekommen und betrachtet das ganze Szenario.

Stefan: Hi!

Peter: Hi.

Mit steinerner Miene stellt Stefan den CD-Player ab. Die Musik verstummt.

Stefan: Entschuldige bitte.

Peter: Schon okay, schon okay, macht nichts. (er schaut Stefan forschend an) Wie war die Probe?

Stefan lacht kurz und sarkastisch.

Peter: Probleme?

Stefan: Das kann man wohl sagen, ja...

Peter: Ja, und?

Stefan (deklarmierend): Wer allen Stürmen aus dem Wege geht, der muß sich nicht wundern, wenn er in einer Flaute verhungert.

Peter (begeistert): Bravo! Von wem ist das?

Stefan: Von mir.

Peter: Ja, und?

Stefan: Ich bin ins Theater gegangen und wurde zum Intendanten gerufen, der mir die Höhe meiner Strafe nannte und von mir eine Entschuldigung gefordert hat vor dem gesamten Ensemble.

Peter: Scheiße.

Stefan: Ich werde dieses Theater verlassen.

Peter: Wirklich?

Stefan: Ich weiß, daß ich über einen Abgrund gehe, über den es keine Brücke gibt, aber...ich habe keine Angst mehr! (Pause) Ich habe nur noch zwei Sorgen. Erstens, daß dieses Gefühl nachläßt...und zweitens, daß dieses Gefühl nicht nachläßt! (erregt) Und das Verrückte an der Geschichte ist, daß ich ganz genau weiß, daß das genau das Gefühl ist, das ich brauche, um zum Wesen meines Berufes vorzudringen, indem ich keine Angst habe! Ja, und ich erkenne, daß ich es nur dadurch erreicht habe, daß ich mich aus dem Betrieb herauskatapultiert habe, für den ich bis gestern noch gespielt habe! (eindringlich) Du, warum können wir nur zu unserer Subtanz, zu unseren Möglichkeiten als Mensch und auch als Künstler vordringen, wenn wir die Spielregeln, die zwischen uns Menschen herrschen, zerbrechen? (verzweifelt) Das macht mich wahnsinnig! (Pause) Ich bin mein Leben lang eine Rennstrecke im ersten Gang gefahren und gestern habe ich gemerkt, daß man schalten kann...Weißt Du, ich wollte mich betrinken, um wieder langsamer zu werden...nein, lieber verglühe ich, als zurückzuschalten! (Pause; Stefan sieht Peter an) Ich sehe, Dich Peter...ich sehe Dich als der Mensch, der Du bist. Als der Mann.

Peter (deprimiert): Ja.

Stefan: Und ich möchte Dich fragen, wie es Dir geht und ich möchte, daß Du mir die Wahrheit sagst! Dann sag' ich Dir meine Wahrheit. Alles andere wäre Wahnsinn, verstehst Du? Wir haben keine Zeit für Umwege in diesem Leben! (ernst) Peter, wie geht es Dir?

Peter (betont unbekümmert): Och...Gut!

Stefan (verärgert): Lüg' mich doch nicht an!...Mann, Peter! Ich bin hier mit meinem einmaligen Leben, das in diesem Universum nie mehr wiederkehrt. Dieser Augenblick, dieser Raum, Du, ich, alles, was hier existiert, das kehrt in aller Ewigkeit nicht mehr wieder! Peter, das ist eine einmalige Chance in unserem einmaligen Leben. Peter, wie geht es Dir?

Peter (wütend): Beschissen!

Stefan: Ja, siehst Du, siehst Du, das ist die Wahrheit im Moment! Mir ist es auch oft schlecht gegangen. Aber ich habe immer gesagt, es geht mir gut...anstatt die Wahrheit zu sagen. (nachdenklich) Ich sehne mich nach Liebe wie jeder Mensch, nach sonst nichts. Aber wer nicht mit mir sein will, wenn es mir schlecht geht, den will ich auch nicht bei mir haben, wenn ich ihn mit der Lüge festhalten muß, es geht mir gut! Verstehst Du?

Peter (immer noch deprimiert): Ja.

Stefan: Du hast Probleme mit Deiner Frau?

Peter (bitter): Das kannst Du wohl laut sagen!

Stefan: Ja, die einzige Frage, die Du Dir stellen mußt, ist: "Lieb' ich sie oder lieb' ich sie nicht?" Peter, jede Minute in Deinem Leben war eine Möglichkeit, Dein Glück zu finden. Und was hast Du daraus gemacht?

Peter: Ich habe nicht so schlecht gelebt, wie Du denkst!

Stefan: Ja, aber wir machen Fehler!

Peter: Genau wie Du!

Stefan: Aber ich, ich habe mich geändert!

Peter: Du warst noch nie verheiratet!

Stefan: Weil ich ganz genau gewußt habe, daß ich keinem Menschen versprechen kann, übermorgen noch derjenige zu sein, in den er sich vorgestern verliebt hat.

Peter: Aus dem Grund heiratet man auch nicht!

Stefan: Achso, und warum dann?

Peter: Weil man beisammen sein möchte und weil man sich gemeinsam irgendwo hinbegeben kann, wohin man alleine nicht gekommen wäre.

Stefan: Und hast Du das immer mit Absicht gemacht?

Peter: Was?

Stefan: Dich gemeinsam irgendwo hinbegeben...oder seid ihr eher gestolpert?

Peter: Du hast leicht reden!

Stefan: Ausgerechnet ich?

Peter: Ja, ausgerechnet Du! Du bist doch ein Künstler, der seine Zehen nie in das kalte Wasser des Alltags steckt.

Stefan (nachdenklich): Liebst Du sie eigentlich noch?

Peter: Ich weiß es nicht...ich...ich glaube nicht.

Stefan: Und wann hat es aufgehört?

Peter: Schwer zu sagen...ich... wir waren eigentlich sehr glücklich. Ich wollte manchmal nur weg...ich wollte einfach unbeobachtet sein...ich...ich glaube, ich wollte gar nicht so dringend mit anderen Frauen. Ich habe das oft nur gemacht, um mir zu beweisen, daß ich noch ein freier Mann bin. Es hat Zeiten gegeben, da sind wir nurmehr nebeneinander hermarschiert und haben darauf gewartet, daß der andere mal nach links oder nach rechts schaut. Wenn ich mal für einen kurzen Moment allein war, bin ich gleich zehn Kilometer nach links gesprungen, immer übers Ziel hinaus!

Stefan (ruhig): Und warum macht man das?

Peter: Angst?

Stefan: Genau.

Peter: Jede Veränderung macht Angst. Es wäre schön, wenn es einen Trick gebe, damit die Sehnsucht nicht nachläßt.

Stefan: Den gibt es doch!

Peter. Und der heißt?

Stefan: Getrennt wohnen.

Peter (ungläubig): Getrennt wohnen?

Stefan: Getrennt wohnen.

Peter: Das ist der Trick?

Stefan (energisch): Nein, das ist die Vorraussetzung! An wen hast Du immer gedacht, als Du verliebt warst und noch nicht mit ihr zusammengelebt hast?

Peter: An Lily.

Stefan: Bei wem wolltest Du immer übernachten?

Peter: Bei Lily.

Stefan: Auf wen hast Du Dich jedesmal gefreut, wenn Du sie nur einen Tag lang nicht gesehen hast?

Peter (trotzig): Jetzt sag ich's nicht mehr!

Stefan: Warum geben wir denn diesen traumhaften Zustand auf?

Peter (trocken): Um weniger Miete zu zahlen...

Stefan: Ich glaube, daß nichts im Leben so sein muß, wie wir es gelernt haben, daß es sein soll... Nein. Es gibt für alles einen besseren Weg. Schau' Dir die Eingeborenen an!

Peter (verständnislos): Wieso Eingeborene?

Stefan: In Afrika! Da gibt es Männerhäuser und da gibt es Frauenhäuser. Dazwischen eine Brücke voller Spannung, die nur ab und zu überschritten wird, um ein Fest zu feiern!

Peter: Ja.

Stefan: Ja, und warum leben wir nicht so?

Peter (trocken): Weil wir keine Eingeborenen sind.

Stefan: Leider!

Peter: Ja. Und Du kannst es?

Stefan (seufzend): Ich hoffe.

Peter: Und?

Stefan: Ich suche...

Peter: Nach einer Eingeborenen?

Stefan (erregt): Ja!

Peter: Scheiße. (nachdenklich)Wenn ich sie allein lasse, kann ich mir sicher sein, daß andere hinter ihr her sind.

Stefan: Ja, aber wenn sie Dich doch liebt.

Peter (verächtlich): Frauen lieben nur den, der sie erobert.

Stefan (provozierend): Ach, und damit keiner an sie rankommt, beschützt Du sie,ja?

Peter (trotzig): Ja, das wollen sie so!

Stefan: Auf ewig?

Peter: Auf ewig!

Stefan: Auf ewig?

Peter: Ja, auf ewig! (nachdenklich)Es wird sicher eine Nächste geben.

Stefan: Ja. Und mit der läuft dann alles ganz genauso ewig ab...ich mach' da nicht mehr mit.

Peter (sarkastisch): Gratuliere.

Stefan: Ich sag' Dir noch was. Martin und ich leben hier wie im Paradies. Wir streiten fast nie, wir wissen, was wir wollen, und wenn ma eine Frau am Horizont auftaucht, dann erzählt man sich davon. Aber weder Martin noch ich werden jemas wieder über Fallen stapfen, wie all' die anderen. Ich habe mich aus diesen Möglichkeiten heraus begeben, und ich gehe weiter meinen Weg. Und wenn das alle machen würden, dann gäbe es weniger Wahnsinn, das gebe ich dir schriftlich. Und wenn ich keine Frau finde, die reif genug ist, das zu überstehen, dann lebe ich eben ohne Frau! Verstehst du? (schreit los) Ich will nämlich wirklich ein freier Mann werden! (stutzt; horchend) Ich glaube, es läßt schon wieder nach...das Gefühl...Ich meine, ich hab' Angst, daß ich Angst bekomme, vor meinem Mut...aber ich kann nicht mehr zurück. Die Vorstellung läuft...Das erste Mal, da war ich im Theater, ich war, glaube ich, zehn Jahre alt. Ich kann Dir gar nicht mehr ganz genau sagen, wie das Stück geheißen hat, ich weiß nur noch, daß eine Liebesszene am Schluß war. Die Frau ist auf einer Bank gesessen und ihr Geliebter hat seinen Kopf in ihren Schoß gelegt. Ich hatte sowas noch nie gesehen...ich meine, daß ein Mann sowas tut! Aber ich hab' gespürt, daß man das da oben darf, auf der Bühne, weißt Du? Man darf seinen Kopf in den Schoß einer Frau legen, sie legt einem die Hände auf die Augen und man ist nicht mehr allein...Dann war das Stück aus. Alle haben "Bravo" gerufen...ich hab' auch "Bravo" gerufen und es hat so eigentümlich gerochen, so ein bißchen noch Holz, nach Staub, ein bißchen nach Parfüm und es roch wunderschön. Da habe ich gewußt, das willst Du auch. Weißt Du, ich habe irgendwie geahnt, daß ich im wirklichen Leben mit einer Frau...nee...Ich war zehn Jahre alt, aber ich habe gefühlt, daß ich lieben will (er legt eine Hand auf sein Herz) und daß das da drinnen Platz hat. Und eben auch, daß es nur auf einer Bühne gut gehen kann. Darum bin ich hin ans Theater...Ich will nämlich immer noch, weißt Du? Ich will immer mehr. Aber nicht mehr so wie bisher. (fest) Ich lebe nur ein einziges Mal! Worauf warten wir? (denkt nach; dann zu Peter) Weißt Du, was ich mir manchmal wünsche? Ich möchte in einer Welt leben, die meinen Beruf nicht nötig hat.

Peter: Wie?

Stefan (erregt): Ich möchte nicht irgendwo hingehen müssen, damit mir ein Fremder vorspielt, wie es sein könnte, wenn zwei Menschen miteinander reden! (gelassen) Nein. Ich will jetzt reden...ich will hier reden...und ich will mit Dir reden. Komm', Peter, rede mit mir!

Peter (ausweichend): Also, ich weiß' nicht, ich glaube, ich brauche einfach ein bißchen Ruhe, weißt Du?

Stefan: Hey, komm' Peter, ich...ich tue Dir nichts Böses. Ich will nur mit Dir reden! Ich mein', wenn Du willst, dann...vielleicht willst Du mich ja einfach nur kennenlernen?

Peter (nach einer Pause; guckt Stefan forschend an): Bist Du schwul?

Stefan (erst leicht geschockt, dann gefaßt): Nein.

Peter (erhebt sich vom Sofa): Entschuldige bitte.

Peter verläßt die Wohnung. Stefan bleibt in nachdenklicher Stimmung zurück.

(Zwischenmusik)

Martin kommt herein und findet Stefan immer noch auf dem Sofa sitzend.

Martin: Bon soir!

Stefan: Bonn so-ir.

Martin: Wo ist Peter?

Stefan: Weg.

Martin: Ahja...Weg?

Stefan: Naja, weg.

Martin: Was sind denn das für Vibrationen im Raum?

Stefan: Ich habe ihn vertrieben!

Martin: Wieso?

Stefan: Ich bin zu weit gegangen.

Martin (überlegt erst; dann) Achso! Achso, ja. Ahja.

Stefan: Du lebst ab heute mit einem Arbeitslosen zusammen. Das Maß war voll.

Martin: Aha.

Stefan: Hast Du Hunger?

Martin: Nein.

Stefan: Ich auch nicht.

Martin: Ja, dann wär's ein Fehler, was zu essen.

Stefan: Richtig.

Martin (forschend): Sag' mal, möchtest Du mir irgendwas erzählen?

Stefan: Nein.

Martin: Vielleicht später?

Stefan: Vielleicht später.

Martin: Gut...gut. (setzt sich an den Tisch) Ach, ähm, stört es Dich, wenn ich da sitze?

Stefan: Nö.

Martin: Gut...gut, dann sitze ich hier.

Stefan: Hmmh.

Martin: Schweigen wir doch einfach.

Stefan: Schweigen wir.

Es herrscht erstmal Stille.

Martin: Darf ich was sagen?

Stefan: Hmmh!

Martin: Ich bin verliebt!

Stefan: Wirklich?

Martin: Hmmh!

Stefan (erfreut): Gratuliere!

Martin: Danke!

Stefan: Glücklich?

Martin: Ich glaub' schon.

Stefan: Und sie?

Martin: Hmmmh!

Stefan: Schööön!

Martin: Ich war bei ihr in der Wohnung!

Stefan: Ja, und Burg gebaut?

Martin: Ja! Ach, übrigens, sie heißt Maria. Sie hat einen Sohn, vier Jahre alt.

Stefan: Ach, Gott.

Martin: Ein liebes Kind...Sie will einen Saal.

Stefan (verwundert): Einen Saal?

Martin: Keine Wände, alles offen!

Stefan: Gut. Reiße alle Wände nieder!

Martin: Ja... (es herrscht Schweigen; dann) Sie ist unwahrscheinlich zart.

Stefan: Ja, und hilflos!

Martin: Oh nein, nein, das war...Projektion. Du, wir sind so gesessen...heute habe ich meinen Tee bekommen, ich hatte ja keinen Termin. (lacht) Du, diese Frau hat seit drei Jahren keinen Mann gehabt. Ich hab' mich kaum getraut...

Stefan (mißtrauisch): Was?

Martin: Ich hab' mich kaum getraut, mich neben sie zu setzen. Irgendwann hat sie dann gesagt "Das ist jetzt unsere erste Schale Tee, die wir gemeinsam trinken:" Ich hab' ihr dann gesagt "Ich hoffe, wir haben beide schon genügend erlebt, um nicht gleich aufeinander loszustürzen."

Stefan (leicht ironisch): Das ist gut.

Martin: Dann hat sie zu mir gesagt, sie möchte keine Leidenschaft mehr erleben. Du, da mußte ich daran denken, wie ich damals bei Susi ausgezogen bin und zu Dir hergekommen bin. Ja. da habe ich das auch einen ganzen Abend lang vor mir hingeschrien (ruft) "Ich will keine Leidenschaft mehr erleben, ich will keine Leidenschaft mehr erleben" (normal zu Stefan) Erinnerst Du Dich?

Stefan (bedeutungsvoll): I remember it very well!

Martin: Du, sie hat mich angeschaut wie ein Reh, das einen Jäger anschaut, der beschlossen hat, nicht mehr zu schießen. Ich war so aufgeregt, ich möchte nichts falsch machen.

Stefan: Klar.

Martin: Wir sind so gesessen und nach einer Weile habe ich meinen Arm um sie gelegt. Ach, sie hat einen wunderbaren...(stockt; dann laut) Ach, sie ist so schön! Und sie hat nicht viel Gutes erlebt, glaub' ich...nein, sicher. Du, und sie riecht wie ein...wie ein...naja, wie ein...(brüllt) Ahhhhhh! Einfach schön. Du, wir sind einfach nur so gesessen und nach einer Weile mußte ich daran denken, wie lange ich schon keine Frau mehr so gehalten habe...Du, am liebsten hätte ich geschrien! Aber ich wollte sie ja nicht erschrecken. Weißt Du, wie oft ich davon geträumt habe, eine Frau mal wieder so zu halten? Du, ich hab'...ich schwöre Dir...ich bin da so gesessen und ich hab' nicht gewußt, wie ich... na, wie es weitergeht, ich hab' alles verlernt! (Pause) Dann hat sie zu mir gesagt, daß sie sehr gerne mit mir ins Bett gehen möchte. Das hat mich auch sehr gefreut...ich hab' ihr dann gesagt, daß ich das auch sehr gerne möchte, aber... (sucht nach Worten) Weißt Du, ich hab' irgendwie gespürt, daß ich das jetzt...Ich hätte es nur irgendwie hinter mich gebracht, verstehst Du? (Stefan nickt) Oh Mann, ich war so aufgeregt, ich bin ganz heiser geworden und das in meinem Alter. Dann hab' ich zu ihr gesagt, sie soll mir noch etwas Zeit geben (schlägt sich vor die Stirn). Ohhh! (Pause) Meine kleine Zuckermaus...Oh, ich hab' sie so lieb. Wirklich! Hey, wieso ist das alles auf einmal so schnell gekommen? Oh, großer Gott, ich möchte nichts falsch machen.

Stefan: Tu' nur das, was Du wirklich willst!

Martin (nachdenklich): Ja, was will ich denn eigentlich? Ich will einfach nur glücklich sein mit ihr.

Stefan: Klar.

Martin: Und wer sollte mich daran hindern?

Stefan: Niemand! Außer Dir.

Martin: Ja...Ich werde vorsichtig sein ohne zu zaudern! Handeln ohne zu hasten. Lieben ohne zu besitzen!

Stefan (leicht ironisch) Essen nur wenn Du hungrig bist!

Beide: Schlafen nur wenn ich müde bin!

Martin (erregt): Und jetzt werde ich sie zum Beispiel anrufen und ihr "Gute Nacht" sagen!

Stefan (todernst): Ein männlicher Beschluß!

Martin: Warum ist das alles nur so schwer?

Stefan: Weil wir das alle nicht gelernt haben.

Martin: Du, ich muß Dir was gestehen...

Stefan (gespannt): Ich höre.

Martin (schuldbewußt): Naja, sie hatte nie Strümpfe mit einer Naht...

Stefan: Uff!

Martin: Und auch keinen Lederrock...

Stefan (wissend): Soso!

Martin. Ja, Du...ich weiß ja auch nicht, warum ich...

Stefan fängt an zu lachen.

Martin: Ja...es war blöd! Aber weißt Du was? Ich habe heute etwas gespürt. Es geht anders, es geht ganz anders, verstehst Du? (überlegt, dann) Nein, neinneinnein. Ich weiß nicht genau, wie ich es Dir erklären soll, weißt Du? Jedes Wort ist nur eine Erinnerung an etwas irgendwas Übliches ...Mehr als nur Mann und Frau. Verstehst Du? Man kann...es kann ganz neu sein, es kann ganz neu sein, verstehst Du?...Naja, jetzt will ich telefonieren.

Stefan: Ja, soll ich rausgehen?

Martin: Nee, bleib', bleib'. (geht zum Telefon, wählt) Ja, hallo! Ich bin's. (bedeutungsvoll) Gute Nacht!..Halt, halt, warte mal! Wann genau bist Du geboren?...5.Oktober 1964, 13:00 Uhr...Gut! Das wird noch ein Nachspiel haben...Ja, gute Nacht...Ich Dich auch. Ciao. (legt auf und dreht sich zu Stefan um, der schon alles genau notiert hat)

Stefan (grinsend): Ohoh, ne' Waage!

Martin: Hör' auf! (stellt sich in Pose und ruft mit Tragik in der Stimme) Sie ist die Frau, die Gott mir in seiner grenzenlosen Güte zugedacht hat, ich werde sie beschützen und ihr Retter sein!

Stefan: Ja, aber vielleicht will sie das ja gar nicht!

Martin: Ich liebe sie! Also will sie es?

(Zwischenmusik)

Stefan und Martin sitzen am Tisch. Martin wartet ungeduldig darauf, daß Stefan mit seinen astrologischen Berechnungen fertig wird.

Martin (genervt): Ja, und?

Stefan: Geduld bringt Rosen!

Martin: Bei Deinem Tempo vertrocknen sie!

Stefan (ihn ignorierend; deutet auf seinen Zettel): Guck' mal, das ist interessant.

Martin (nach einem Blick darauf): Du machst mich rasend!

Es klingelt an der Tür. Martin macht auf.

Martin (fröhlich): Ach, hallo, wer kommt denn da?

Peter (kommt niedergeschlagen rein): Ich bin's, hallo. (Pause) Darf ich mich setzen?

Stefan (zu Martin): Darf er sich setzen?

Martin (zynisch): Rechne es aus!

Stefan (zu Peter): Setz' Dich doch.

Peter setzt sich aufs Sofa.

Peter: Ich bin bis jetzt durch die Stadt gelaufen, ich...

Martin (unterbricht ihn): Möchtest Du was trinken?

Peter: Nein...

Stefan (grinsend): Stückchen von Deinen Torten?

Peter: Nein...

Martin: Äh, möchtest Du überhaupt irgendwas?

Peter (nachdenklich): Ja, ich...ich möchte ein neues Leben anfangen! (zu Stefan) Ich bin vorhin gegangen, es hatte nichts mit Dir zu tun, es tut mir leid, entschuldige bitte...

Stefan: Ja, ist schon gut.

Peter: Ich möchte Euch um etwas bitten...

Stefan und Martin: Ja?

Peter: Ich würde gern für eine Zeitlang zu Euch ziehen...wenn es Euch nicht stört! Ich meine, mir geht es nicht in erste Linie darum, daß ich nicht nach Hause zurückkann, daß ich ins Hotel muß, oder so, aber...ich glaube, ich habe mich einfach so wohlgefühlt bei Euch gestern...(kopfschüttelnd zu Martin) Und ich hab' dran denken müssen, wie Du damals zu ihm gezogen bist und ich dachte jetzt...jetzt ist er halb schwul geworden! Verstehst schon, he? Aber vielleicht ist es einfach eine Chance für mich bei Euch! (Guckt Martin und Stefan, die unentschlossen dastehen) Entschuldigt bitte, aber mir geht es nicht so gut...Blödsinn! Ich wollte einfach nur fragen, ob das vielleicht geht, aber ich geh' auch ins Hotel, das macht mir überhaupt nichts aus, wirklich? (Guckt die beiden wieder an, Stefan murmelt irgendwas) Was?

Stefan (nuschelnd): Ja, klar kann er...

Martin: Ja, sofort, ist doch klar!

Peter: Danke, ich...(er vergräbt plötzlich den Kopf zwischen den Armen)

Martin (besorgt): Hey?

Peter: Schon gut, ich bin nur ein bißchen müde...

Martin: Alles klar.

Stefan: Naja, dann sinkt ja wenigstens die Miete!

Martin: Was?

Stefan: Naja, vorher wars durch zwei, jetzt ist es durch drei, oder?

Martin (ungehalten): Das können wir ja vielleicht morgen besprechen!

Peter: Neinneinnein, das ist gut, das ist sehr gut. Laßt uns anfangen!

(Zwischenmusik)

Stefan sitzt am Schreibtisch und tippt auf der Schreibmaschine. Peter kommt rein.

Stefan: Na, wie war es?

Peter (seufzend): Nicht schön, nicht schön. Sie bekommt die Wohnung und die Hälfte der Einnahmen aus unserem Geschäft. Aber das ist mir egal, das ist mir wirklich egal, das ist mir scheißegal! (Pause) Ich bin so dagesessen und hab' sie angeschaut...und es hat mir wehgetan, sie so zu sehen. Ich meine, ich hab' gewußt, daß ich sie nicht mehr und daß es das Beste ist, wenn wir auseinander gehen, aber ich hab einfach dran denken müssen, wie wir angefangen haben und daß wir alles verkehrt gemacht haben...Heute hat sie mir die Hand gegeben und ihre Bluse ist so'n Stückchen hochgerutscht und ich hab'...diese kleine Narbe gesehen, die sie am Handgelenk hat. Die hat sie vom Segeln in Griechenland...(zornig) Ja, wir waren segeln in Griechenland, ich meine, es war nicht schlimm, aber ich hab' ihr einen Verband gemacht. Und am Abend haben wir auf der Terasse gesessen und Rotwein getrunken. Die Sonne ist untergegangen, der Himmel ist immer dunkeler geworden und die Sterne immer stärker und dann...ist so eine blöde Sternschnuppe vom Himmel gefallen und sie hat gesagt: "Jetzt wünsch ich mir was." Sie hat's geflüstert, aber ich hab's trotzdem gehört, sie hat gesagt: "Ich will, daß mein Peter und ich nie auseinandergehen, nie, nie, nie!" (schluchzend) Das war die schönste Nacht, die ich je erlebt habe...Scheiße! Ich verstehe überhaupt nicht, warum soviel verkehrt gelaufen ist, es kann doch nicht sein, nur weil ich, oder weil sie... Ich hab' sie so gern geküßt. Wie wir geheiratet haben, haben wir uns vorm Standesamt drei Minuten lang geküßt! Als Mann und Frau, als Mann und Frau! Und heute hat sie mir die Hand gegeben und hat "Ciao" gesagt und ich hab' auch "Ciao" gesagt. Und das ist doch meine Frau! Das ist doch meine Lily, meine Frau!

(Zwischenmusik)

Martin kommt in die Wohnung und findet Stefan am Schreibtisch sitzend vor.

Martin: Hallo! Na?

Stefan: Na?

Martin: Wie ist es ausgegangen?

Stefan: Fifty-fifty.

Martin: Mensch, das könnte man sich alles ersparen!

Stefan: Ja.

Martin: (nach einer Pause) Und Du, wie kommst Du voran?

Stefan (erstaunt): Ich?

Martin: Ja.

Stefan (stotternd): Och, äh, ich mein', Du weißt ja, ich bin, äh, ich mach' ja, ähm...Wie sag' ich Dir das jetzt? Ich bin da so an einem Punkt, ich bin an so einem Punkt, wo ich fertig bin.

Martin (überrascht): Nein.

Stefan: Ja doch, fertig.

Martin: Hey! (lachend): Das sagst Du so einfach.

Stefan: Ja!

Martin: Liest Du es uns vor?

Stefan: Vielleicht.

Martin: Hey Stefan!

Stefan: Später.

Martin: Bitte!

Stefan: Ja, heute gerade nicht.

Martin: Bittebittebittebitte!

Stefan: Neinneinnein!

Peter betritt den Raum. Anscheinend kommt er gerade aus der Dusche, denn er trägt einen Bademantel und hat ein Hadtuch um den Kopf geschlungen.

Martin (zu Peter): Stefan ist fertig.

Peter: Nein, wirklich?

Stefan: Ja!

Peter: Gratuliere!

Stefan: Danke!

Peter: Bitte.

Martin holt Gläser und Sekt und gießt allen ein Glas ein.

Martin: Prost! Auf den Dichter!

Peter: Ja, auf den Dichter!

Stefan: Ja.

Sie trinken ihr Glas aus.

Stefan: Wollen wir nachher noch ins Kino gehen oder so?

Peter (unentschlossen): Eigentlich nicht, oder?

Stefan (mit ernster Miene): Wir müssen ja nicht.

Martin (entschlossen): Ich muß Euch was sagen!

Stefan: Wir hören.

Martin: Tja, also ich, ähm...ich werde heiraten!

Peter und Stefan schauen sich entsetzt an.

Stefan: Was?

Martin (freudig): Tja!

Stefan: Warum?

Martin: Weil ich sie liebe.

Peter fängt an, hysterisch zu lachen.

Martin: Ja, ich liebe sie. (zu Stefan) Was denkst Du?

Stefan (ernst): Egal.

Martin: Achja, in dem Zusammenhang wollte ich Euch noch sgaen, daß ich heute noch ausziehen werde oder morgen.

Peter (immer noch hysterisch lachend): In die Burg!...

Martin: Ja, äh, es tut mir leid, daß ich...

Peter: In die Burg!

Martin (zu Stefan): Was denkst Du?

Stefan: Das weißt Du doch ohnehin, oder?

Martin: Naja, ich möchte aber...

Stefan (unterbricht ihn): Neinneinnein, schneller Entschluß, fester Entschluß, also was soll's.

Martin (überrascht): Komm'. jetzt red' doch keinen Blödsinn, es fällt mir doch nicht leicht!

Stefan (sauer): Warum machst Du es dann?

Peter (kichernd): Weil er spinnt!

Stefan: Und warum so schnell?

Martin: Weil ich sie liebe!

Stefan (bitter): Ja, und das läßt auch ganz schnell wieder nach. (er will gehen)

Martin: Komm', bitte bleib' hier!

Stefan (zornig): Aber Du, he? Ist doch alles gesagt. Du ziehst aus, Du heiratest und...(brüllt los) Du hast Dein eigenes Zimmer! (will wieder gehen)

Martin (flehend): Stefan, bitte nicht, ich möchte mit Dir reden!

Stefan: Wir haben drei Jahre lang über dieses Thema geredet, drei Jahre lang, also warum jetzt?

Martin: Weil jetzt alles anders ist.

Stefan (zynisch): Ja, jetzt ist die Vernunft zum Teufel.

Martin: Nein, aber Herrgott! Der Mensch ändert sich!

Stefan (resigniert): Na dann, gratuliere. (geht zur Tür)

Martin (wütend): Jetzt sei nicht so saublöd und red' ordentlich mit mir!

Stefan (leise): Was soll ich denn sagen? Was soll ich denn jetzt noch sagen? Vor drei Jahren bist Du zu mir gekommen wie das heulende Elend. (laut) "Ich hab' alles falsch gemacht, ich hab' alles falsch gemacht, das mach' ich nie wieder, nie wieder Leidenschaft!"

Martin: Ja, aber...

Stefan: Ja, was aber? (Pause) Mit ihr ist alles anders, richtig?

Martin: Ja, genau.

Stefan (eindringlich): Warum läßt Du Dir denn dann nicht die Zeit, warum läßt Du Dir um Himmelswillen denn dann nicht Zeit?

Martin: Weil ich mit ihr leben möchte!

Stefan: Ach, und das geht nur so?

Martin: Wir wollen es so!

Stefan: Na, dann viel Glück! (Pause; dann zeigt er aufs Sofa) Da hast Du gesessen, da, und dann hast Du mir gesagt, wie schön es ist, daß ihr so vorsichtig miteinander umgeht. Und was ist jetzt, he? Was ist jetzt? Drei Monate und schon stinkt es nach Ewigkeit!

Martin (zornig): Also, weißt Du was? Von mir aus kannst Du Dein Leben lang Berechnungen anstellen, wer mit wem wie, wann und wo nicht zusammenpaßt. Vor lauter Vorsicht wirst Du noch alt werden und häßlich und Frauen nurmehr, nurmehr...

Stefan: Na, was?

Martin: Ja, na was? Mensch, Du mußt was riskieren im Leben! Du mußt den Mut haben, einen Fehler zu machen!

Stefan (sarkastisch): Immer wieder den gleichen, wie?

Martin: Was?

Stefan: Mut haben, immer wieder den gleichen Fehler zu machen, nein danke!

Martin: Mach' doch, was Du willst!

Stefan: Das mach' ich auch, das mach' ich auch, da brauchst Du gar keine Angst haben! Martin, nun, wenn Du meine Meinung willst, dann hör' Dir meine Meinung gefälligst auch an! Ich weiß' überhaupt nicht, was in Dich gefahren ist! Das muß ja grauenhaft gewesen sein, hier die ganze Zeit mit mir, sonst würdest Du nicht plötzlich soviel Schwachsinn daherreden wie ein geisteskranker Idiot!

Martin: Sag' mal, was stört Dich eigentlich daran, daß ich mit der Frau, die ich liebe, ein Leben leben will?

Stefan: Martin, bite, bittebitte, bittebittebitte, das stört mich doch überhaupt nicht, das stört mich nun wirklich nicht! (Pause) Blöder Hund! Ich glaube nur nicht, daß die Formen in dieser Welt, in denen wir Menschen glauben, zusammenleben zu müssen, die besten sind. Stundenlang haben wir darüber geredet und wir waren einer Meinung und wir haben vorgehabt es besser zu machen, wenn jemals wieder einer von uns beiden verlieben sollte und Martin! Ich war glücklich...ich war richtiggehend glücklich, daß Du Deine Liebe gefunden hattest. Und daß es Euch gelungen ist, vorsichtig aufeinanderzuzugehen und nicht wie zwei Paviane zusamenzustelzen. Entschuldige, entschuldige, aber es tut mir einfach weh, zusehen zu müssen, wie das alles umsonst war.

Martin (erregt): Stefan, Stefan, wir waren vorsichtig genug!

Stefan: Ach, komm' schon, drei Monate lang, drei Monate lang!

Martin (brüllt): Ja, drei Monate lang!

Stefan: Aber das ist doch Wahnsinn! (Pause; dann leise, resigniert) Alles klar, es ist völlig sinnlos. I wish you good luck!

Peter (nachdenklich): Irgendwie kann ich ihn schon verstehen...

Martin (verärgert): Na, vielen Dank!

Peter: Naja, ich hab' ja auch mal...ich versteh' das!

Martin: Na, ich bin doch hier nicht bei der Inquisition, oder?

Peter: Ja, aber offentsichtlich hast Du das Bedürfnis gehabt, mit uns darüber zu sprechen.

Martin (genervt): Ja, aber ich brauche keinen Wohngemeinschaftsbeschluß, Heiligsprechungsdekret, das tun zu dürfen, wozu ich Lust habe. (zeigt auf Stefan) Wenn er sich so darüber aufregt, dann scheint ja wohl er ein Problem mit dem Thema zu haben und nicht ich!

Peter: Naja, ich halte es für...

Stefan (genervt): Komm', jetzt spiel' hier nicht den Friedensengel!

Peter: Ich spiel' hier nicht den Friedensengel, aber ich zahle hier Miete und das gibt mir das Recht zu sagen, was ich denke! (normal) Ich habe heute...ach, ist das schwer. Ich habe heute einen Schlußstrich unter eine Beziehung gezogen, die ich einmal genauso angefangen habe, wie Du heute Deine Beziehung beginnst.

Martin (total entnervt): Irgendwie kann ich das Wort "Beziehung" nicht mehr hören! Ich liebe diese Frau, Liebe! Klar?

Peter: Alles klar. Alles klar, Liebe! Angesichts einer Welt auf der von Eskimos, die lieben Gästen ihre eigene Frau anbieten bis hin zum westafrikanischen Matreichat tausend Möglichkeiten in Liebe miteinanderzuleben, ist die unsere Form die hier zwar übliche, aber offentsichtlich nicht die Beste...

Stefan (ironisch): Ein Wort von Dir und schon herrscht Klarheit!

Peter: Warum nützt Du nicht die Gelegenheit, anders als bisher und doch gleich zu leben wie bisher. Ich sage nur Frauenhaus, Männerhaus, getrennt wohnen, um Sehnsucht zu bekommen...aber gemeinsam feiern!

Martin: Weil ich mich nicht wohl fühle ohne sie!

Stefan: Und wenn das jemals nachlassen sollte?

Martin: Wird es nicht.

Stefan: Sollte!

Martin: Dann kann ich doch wieder ausziehen!

Peter: Ja, aber warum ersparst Du denn der Frau, die Du liebst nicht die Enttäuschung, von ihr zu gehen, sondern schenkst ihr das Erlebnis, zu ihr zu kommen.

Martin: Weil sie das nicht glücklich macht.

Stefan (leise): Aha, also doch sie.

Martin: Was?

Stefan: Naja, das hat also doch sie gesagt! (übertrieben komisch) "Komm, kommkommkommkomm, zieh' in meine Burg! Damit sie Dich unter Kontrolle hat, Mann!

Martin (resigniert): Jetzt hab' ich Lust gehabt zu gehen...

Stefan: Bitteschön.

Martin stapft wütend zur Tür. Dann dreht er sich noch einmal um.

Martin: Hey! Vielleicht empfinden Frauen ja anders als Männer? Und vielleicht mache ich sie gerne glücklich, indem ich bei ihr bin!

Stefan: Und Deine Natur verleugnest!

Martin (schon fast draußen): Ha, ich bin mir gar nicht so sicher, was meine Natur ist!

Peter (trocken, deklamierend): Der Mann muß hinaus ins Leben, sich regen und streben.

Martin reißt die Tür nochmals auf.

Martin: Vielleicht nicht. Vielleicht bin ich unheimlich gerne zu Hause und arbeite. Und sie kommt nach Hause und erzählt mir, was sie alles erlebt hat. Ja, was dann?

Peter (nachdenklich): Tja, was dann?

Martin: Mensch, vielleicht einigen wir uns einfach darauf, daß es gar keine Regeln gibt außer denen, die wir uns selbst aufstellen.

Stefan: Ja.

Martin: Wie wäre das?

Stefan murmelt irgendetwas Undeutliches.

Martin: Nein, wie wäre es, wenn wir endlich zugeben, daß wir uns vor lauter Angst nicht mehr trauen, das Übliche zu empfinden. (Pause) Hey Stefan...Stefan, hast Du keine Sehnsucht mehr? Deinen Kopf in den Schoß einer Frau zu legen und sie legt ihre Hände auf Deine Augen...und Du mußt nichts machen, außer...dasein und spüren, daß sie Dich liebt...Dich liebt! Und das nicht nur auf einer Bühne...(zu Peter) Hast Du denn keine Sehnsucht mehr? Einmal mit einem Menschen beisammenzusein, bei dem Du Dich ausweinen kannst, wie bei einem...einem guten Freund? Und dieser Mensch...dieser Mensch ist eine Frau...Also, ich habe diese Sehnsucht und ich gehe gerne das Risiko ein, dabei Fehler zu machen, aber losgehen muß ich erstmal! Und nicht vor lauter "Alles richtig machen" vertrocknen!

Stefan (eindringlich): Bei Deinem Tempo stürzt Du aber ab!

Martin: Ja, verdammt nochmal, dann stürz' ich eben ab! Herrgottnochmal, lieber Schmerzen empfinden als...gar nichts empfinden!

Stefan (bitter): Dann war das hier also gar nichts für Dich, ja?

Martin: Das hab' ich doch...

Stefan (erregt): Nur eine kleine Raststation auf Deinem Weg, ja, um nicht ganz allein zu sein. Und kaum ist man wieder zu Atem gekommen, geht es weiter, Richtung Chaos!

Martin: Ich möchte Deine Angst nicht haben...

Stefan: Ich habe keine Angst.

Martin: Doch, doch, Du hast eine Riesenangst. Aber gut, ich kann ja nichts dafür, daß Du irgendwann einmal zugemacht hast und Dir jetzt einbildest, wahnsinnig offen zu sein.

Stefan: Komm' schon, Martin,wo bist Du, he?

Martin: Ich bin hier. Und es geht mir sehr gut.

Schweigen. Dann:

Stefan (leichthin): Kaum ist 'ne Frau da, schon dreht sich die Sonne um die Erde.

Martin: Vielleicht ist das so...

Stefan (zornig): Und das wird auch nie anders sein, oder?

Martin: Nein.

Stefan (leise): Das kann doch nicht wirklich Dein Ernst sein. Ich mein', wir haben hier soviel Schönes erlebt. (Pause, dann eindringlich, bittend) Martin...bitte geh' nicht.

Martin: Es tut mir leid, ja? Ich wollte das alles nicht so sagen.

Stefan: Wenn Du es denkst...

Martin (kopfschüttelnd): Oh Mann, ich weiß gar nicht einmal genau, ob ich jetzt wirklich so denke!

Stefan: Entschuldige.

Martin: Ich...kann es nicht erklären, diese Frau...

Stefan (unterbricht ihn, deklamierend): Wer mir die Frauen erklären kann, der tut mir leid...sie haben aufgehört, ihn zu faszinieren.

Peter (begeistert): Bravo! Von wem ist das?

Stefan sieht ihn genervt an.

Peter (zu Martin): Weiß' sie, daß Du hier sehr glücklich warst?

Martin: Ohja, ja! Maria hat gesagt, ihr sollt so bald wie möglich einmal zu uns kommen, dann könnt ihr auch mal die Wohnung...

Peter (unterbricht ihn, ironisch grinsend): Ohhhh! Mama und Papa werden zum Tee gebeten!

Stefan (niedergeschlagen): Dann ist es jetzt wohl völlig sinnlos, darüber noch weiterzureden, oder?

Martin: Du, ich wollte...

Stefan (unterbricht ihn): Du kannst immer hier sein, wenn Du es willst, oder wenn Du es brauchst...

Peter (grinsend): Nach Voranmeldung!

Martin: Es ändert sich doch eigentlich nichts, oder?

Stefan: Das glaubt man immer...Egal. (deklamierend) Wir sollen heiter Raum um Raum durchstreifen, an keinem wie an einer Heimat hängen. wohlan, mein Herz, nimm' Abschied und gesunde...

Martin (grinsend zu Stefan): Hey...Du bist ein blöder Hund!

Stefan: Du auch. Gib' ihr einen Kuß von mir, ja?

Martin: Mach' ich.

Peter: Von mir auch.

Stefan (zu Martin): Ich hab' Dich sehr lieb.

Martin (gerührt): Ich Dich auch.

Peter: Man muß mit allem rechen...auch mit dem Schönen!

(Vorhang)